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Dieter Just

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Einleitung zu
9. Das radikale Böse in der menschlichen Natur
 
Über Kants Bild vom Juden

Kuno Fischer (1824 - 1907) war kein schöpferischer Philosoph. Dennoch hat er in der Wirkungsgeschichte der deutschen Philosophie eine kaum zu überschätzende Rolle gespielt, weil sich die meisten Bildungsbürger ihr Bild der großen Philosophen aus seinen Schriften holten. Selbst Nietzsche hat Spinoza nachweislich nur aus der Darstellung Kuno Fischers kennen gelernt, (KSA 14/646) über den es im 5. Band der 1961 erschienenen Neuen Deutschen Biographie heißt:

...1850 konnte er sich in Heidelberg habilitieren. 1853 wurde ihm wegen seiner pantheistischen Gesinnung die venia legendi entzogen. Die erzwungene Muße nutzte Fischer zu intensiver schriftstellerischer Tätigkeit...1855 nahm er einen Ruf nach Jena an, wo er 16 Jahre wirkte und in seinen Vorlesungen und Vorträgen wahre Begeisterungsstürme entfachte. 1861 erschien sein Kant-Buch..., dessen Wirkung eine außerordentliche war.... Fischers bleibendes Verdienst liegt auf dem Gebiet der Philosophiegeschichte, die ihm eine Schule des Philosophierens ist. Es ist ihm in beispielloser Weise gelungen, den Entwicklungsgang des philosophischen Denkens überhaupt darzulegen, indem er jedes einzelne System von einem Kernpunkt aus aufrollt, die wesentlichen Gedankengänge gleichsam schöpferisch nach­voll­zieht und im Rückblick kritisch beleuchtet. Seinem Wirken als Schriftsteller und Dozent ist es hauptsächlich zu danken, daß die Philosophie in Deutschland nach dem auf Hegel folgenden Niedergang und einer Zeit bloßer Duldung ihren Wert und ihre Anerkennung als all­gemeinstes Bildungsfach wiedergewann. S.199 (Edith Selow)

Der Anlass, mich mit Kuno Fischers Kant-Darstellung zu beschäftigen, liegt in seiner im Großen und Ganzen korrekten Zusammenfassung der Intentionen von Kants Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Auch ich zitiere der leichteren Lesbarkeit wegen im Folgenden aus Kuno Fischers Immanuel Kant und seine Lehre, 2. Teil, 4.Bd., dritte Auflage, München 1882.
Nur wenn unbedingt notwendig, werde ich auf Kants Schrift im Original zurückgreifen.    

1. Ein erster Überblick
Lassen wir uns also durch Kuno Fischer in Kants Religionsphilosophie einführen:

... Die jüdischen Glaubensgesetze entbehren alle Bedingungen einer rein moralischen Gesetzgebung, sie sind, was moralische Gebote nie sein dürfen, Zwangsgesetze und fordern die äußere Beobachtung, die legale Erfüllung: diese ist ihr hauptsächlicher Zweck. Es gibt unter den jüdischen Glaubensgeboten keines, dessen Erfüllung nicht erzwungen werden könnte, dessen äußere Erfüllung nicht dem Gesetze genugtäte. Die Motive der Gesetzeserfüllung sind keineswegs moralische Triebfedern: der gerechte. d.h. der legale Mensch wird belohnt, der ungerechte bestraft, Hoffnung auf Lohn und Furcht vor Strafe sind die Motive des Glaubensgehorsames und der Gesetzeserfüllung. Es ist nicht die Gerechtigkeit, nicht einmal die des äußeren Rechts, wonach im Sinne des jüdischen Glaubens gelohnt und gestraft wird. Die moralische Gerechtigkeit trifft nur den Schuldigen, die jüdische straft auch den Unschuldigen, sie ist nicht Gerechtigkeit, sondern Rache, maßlose Rache, sie rächt der Väter Missetat an den Nachkommen bis ins dritte und vierte Glied. Die Ankündigung einer solchen Strafgerechtigkeit will nicht bessern, sondern schrecken; eine solche terroristische Weltregierung oder der Glaube daran kann politische Gründe haben, niemals moralische, er kann eine Maßregel der Zweckmäßigkeit sein, d.h. eine Maßregel, die unter Umständen gilt. Der religiöse Glaube ist keine Maßregel, noch ist er abhängig von äußeren Umständen, er fordert die reine Gesinnung, die vollkommen lautere, ein Ziel, das nur in der Ewigkeit erreicht werden kann: deshalb fordert er die Unsterblichkeit der Seele. Der jüdische Glaube macht diese Forderung nicht, denn er hat sie nicht nötig; der Gesetzgeber des jüdischen / Glaubens hat auf das künftige Leben keine Rücksicht nehmen wollen, weil er nur ein politisches Gemeinwesen unter der Herrschaft des Glaubens bezweckte. Das sicherste Kennzeichen des religiösen Glaubens ist seine Universalität, seine unbedingte Gültigkeit für alle Menschen, das sicherste Kennzeichen des Gegenteils ist der Partikularismus, die ausschließliche Geltung für eine besondere Nation, der Glaube an ein auserwähltes Volk: daher ist der jüdische Glaube in seinem innersten Grunde nicht religiös, sondern bloß theokratisch in politischer Absicht. (344f.)

Kraftausdrücke wie terroristische Weltregierung für die Herrschaft des biblischen Gottes finden sich bei Kant nicht, aber wir können solche Nebensächlichkeiten ignorieren und uns auf Wesentliches konzentrieren. Und hier muss zu einem Punkt unbedingt Stellung bezogen werden, weil er fast wörtlich in Hitlers Mein Kampf (1935) S.336 wiederkehrt.1 Der Jude habe keinen Religionsglauben, weil er nicht an die Unsterblichkeit der Seele glaube. Ob es bereits im Alten Testament Belege für das Gegenteil gibt, ist meines Wissens umstritten. Aber der Kantianer Hermann Cohen hat darauf hingewiesen, dass die vielen jüdischen Märtyrer ohne den Glauben an eine unsterbliche Seele gar nicht möglich gewesen wären.
Vor allem einen gravierenden Vorwurf kann man Kant nicht ersparen. In der Kritik der reinen Vernunft widerlegt er Mendelssohns Beweis der Beharrlichkeit der Seele (395b) und zitiert dabei sogar das damals berühmte Werk des allgemein als jüdischer Religionsphilosoph bekannten Moses Mendelssohn Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele. Also muss Kant vom Glauben der Juden an die Unsterblichkeit der Seele gewusst haben, zumindest was seine jüdischen Zeitgenossen betraf. Ein unbefangener Blick auf die Realität seiner Zeit hätte ihn außerdem belehren müssen, dass die Juden damals keine Nation, kein Volk mehr darstellten, wie vor mehr als tausend Jahren, sondern eine Religionsgemeinschaft.
Damit zeichnen sich bereits die problematischen Konturen von Kants Bild vom Juden ab, das Kuno Fischer folgendermaßen bewertet:

In dieser Beurteilung des jüdischen Glaubens unterscheidet sich Kant sehr charakteristisch von dem früheren Rationalismus der deutschen Philosophie. Die natürliche Theologie der Aufklärungszeit stand in ihren deistischen Begriffen dem Judentum näher, als der christlichen Religion, sie gefielt sich sogar darin, mit ihrer Vorliebe für die Verständigkeit des jüdischen Gottesbegriffs Staat zu machen gegen die Mysterien des Christentums.
So viel wir sehen, ist Kant der erste Philosoph der neuen Zeit, der aus rationalen und kritischen Gründen den Unwert der jüdischen Religion in ihrem Verhältnis zur christlichen erleuchtet. Der Grund zu dieser merkwürdigen Wendung liegt am Tage für die wenigen, welche die kantische Lehre verstehen: er liegt nicht, wie bei Hamann, in einer Vorliebe für die Mysterien des christlichen Glaubens, sondern in der Lehre vom radikalen Bösen in der Menschennatur, die mit der Lehre vom intelligiblen Charakter, von der menschlichen Freiheit und dadurch mit den Grundlagen der gesamten kritischen Philosophie auf das Genaueste und Tiefste zusammenhängt.
Diese Einsicht bestimmt und reguliert Kants Religionslehre, deren Thema kein anderes ist, als die Auflösung der Frage: wie ist die Erlösung möglich unter der Bedingung des radikalen Bösen in der Menschennatur? Hier ist keine andere Glaubensgrundlage denkbar, als die rein moralische, hier sind zur Erlösung keine anderen Bedingungen möglich, als die Wiedergeburt, das beharrliche Fortschreiten im Guten, die erlösende Strafe, das stellvertretende Leiden, der praktische Glaube an das radikale Gute. Wenn man mit diesen Glaubensvorstellungen die geschichtlichen Religionen vergleicht, so leuchtet ein, mit welcher von allen die kritische Philosophie im Kern der Sache übereinstimmen muß: entweder mit keiner oder allein mit der christlichen.
(345)

Der Jude als Inbegriff des radikal Bösen! Dann hätte sich Der Stürmer also auf Kant berufen können. Kuno Fischer hat den Geist von Kants Spätschrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft durchaus erfasst. Er schwächt Kants Antisemitismus sogar ab, da seine Wendung, Kant habe „ den Unwert der jüdischen Religion... erleuchtet.“ einen Euphemismus darstellt. Gerade in Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (A 177ff.) wird nämlich den Juden jeglicher Religionsglaube abgesprochen, so dass ein Kantianer von einer jüdischen Religion gar nicht sprechen kann. Drei Fragen sind jetzt zu stellen:
1.Was versteht Kant unter dem „radikalen Bösen in der Menschennatur“ und wie ist er darauf gekommen?
2.Verbindet er das radikale Böse tatsächlich mit den Juden und wie wird dies begründet.
3.Wie ist Kuno Fischers Darstellung der kantischen Position zu bewerten?

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1
Auch Hitlers Bild vom „egoistischen“ Juden, der keine moralische Gesinnung kenne, (ebenda S.326ff.) ist entweder dieser Schrift Kants oder Feuerbachs Das Wesen des Christentums entlehnt. Die entsprechenden Auszüge waren in antisemitischen Kompendien leicht zugänglich.    

 

-Ende der Einleitung-
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